Die Rolle der SFU in der Universitätsstadt Wien

Die Sigmund Freud Privat Universität und ihre Rolle in der Universitätsstadt Wien

„Stadtluft macht frei“, so hieß der Slogan des Mittelalters für die geknechtete Landbevölkerung. Und die Städte haben nichts von ihrer Anziehung verloren, sie sind für viele Menschen anziehender denn je. Nicht nur die vielfältige Arbeitssituation und die reichhaltigen Kulturangebote – die es im Übrigen mittlerweile auch am Lande in beeindruckender Fülle gibt – ziehen die Menschen an oder lassen sie in den architektonisch oft unwirtlichen Stadtgebieten verweilen, nein, es ist häufig die Möglichkeit zur Bildung. Nicht verwunderlich daher, dass es in Wien großartige Bildungsstätten gibt, die tief in unsere mittelalterliche Welt hineinreichen und heute Stätten der Reflexion, von Ambitionen und Zukunftsentwürfen darstellen. Wien ist neben Berlin die größte Universitätsstadt im deutschen Sprachraum mit mannigfaltigen Bildungs- und Berufsbildungsangeboten, mit Fachhochschulen, Privatuniversitäten und Universitäten. Und diese hohen Schulen haben ihre Geschichte, die eng mit dem Stadtleben verbunden ist. „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei“ heißt es in der Bundesverfassung, und damit sind Grenzen abgesteckt worden: einerseits zur Kirche mit ihren Ansprüchen auf geistige Kontrolle, andererseits in Richtung Staat und Stadt mit der Perspektive, behutsam mit dem geistigen Eigentum ihrer Forscherinnen und Forscher umzugehen und sie finanziell auch entsprechend auszustatten, damit sie ihrer Bestimmung folgen können.

In dieses Kraftfeld ordnete sich nun die Sigmund Freud Privat Universität Wien mit ihren derzeit fünf Niederlassungen in Paris, Berlin, Mailand, Ljubljana und Linz und mittlerweile über 3 000 Studierenden ein.

Der Hintergrund: 1999 wurde vom österreichischen Parlament das Privatuniversitätsgesetz beschlossen, das im Prinzip jedermann (in diesem Fall Univ.-Doz. Dr. Jutta Fiegl,Heinz Laubreuter, Univ.-Prof. Dr. Alfred Pritz und Dr. Elisabeth Vykoukal) ermöglicht, eine Universität in Österreich zu gründen. Um aber kenntlich zu machen, dass es sich nicht um eine staatliche Einrichtung handelt, sei das Wort „Privat“ der Universität voranzustellen. Und diese Privatuniversität habe jeweils ein umfangreiches strenges Akkreditierungsverfahren zu durchlaufen, das alle paar Jahre wiederholt und auf der Basis von ausschließlich ausländischen Gutachten vollzogen werden müsse.

2003 begann unsere Reise in die Universitätslandschaft mit der Ambition, die Psychotherapie in eine Psychotherapiewissenschaft zu verwandeln, sie strukturell auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen, Sigmund Freuds Phantasie von 1926 „zur Frage der Laienanalyse“ folgend: es werde dereinst die Psychoanalyse als eigenes Fach gelehrt werden … Es gelang nach herben Rückschlägen 2005 die Akkreditierung. Mit der Akkreditierung der Psychotherapiewissenschaft als Bachelor-, Master- und später Doktorats-Studium begann ein neuer Aufbruch in den „Psychowissenschaften“, die eine besondere Beziehung zu Wien haben: bereits in den 70er-Jahren des 18. Jahrhunderts erarbeitete Franz Anton Messmer (1736–1815) die Grundlagen für die im 19. Jahrhundert in Europa weit verbreitete Methode der Hypnose, aus der dann die Psychoanalyse Sigmund Freuds (1856–1939) hervorgehen sollte und mit ihr die vielfältigen Formen der modernen Psychotherapie. Beide wirkten in Wien, beide mussten schlussendlich emigrieren, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, aber beide haben das Geistesleben in Wien und der Welt in den letzten beiden Jahrhunderten entscheidend geprägt. Durch ihr Wirken und das ihrer Nachfolger haben sie für Millionen von psychisch Leidenden Linderung und Heilung gebracht.

Auf dieser Basis baut die SFU auf, bescheiden, keiner von uns ist ein Sigmund Freud oder Franz Anton Messmer, aber so ist eben die Wissenschaft: sie ernährt sich primär von der Mühsal der Detailuntersuchung und führt sie manchmal genial zusammen, häufig genug unvollendet. Ganz wesentlich aber ist dabei, die Ausbildung verändert sich dramatisch: von einer bisherigen Weiterbildung psychosozialer Berufe wird die Psychotherapie nun ein eigenes Studium mit Wissenschaft und Praxis in einer einmaligen Verbindung – am ehesten einem Zahnarztstudium vergleichbar –, wo Praxis und Wissenschaft ineinander übergehen und sich sinnhaft ergänzen. Das bedeutete auch die Gründung von psychotherapeutischen und mittlerweile auch psychologischen Ambulanzen, die eine wesentliche Stütze der Versorgung der Bevölkerung Wiens mit psychotherapeutischen und psychologischen Hilfeleistungen darstellen. Im Sinne der Öffnung zur Welt gibt es nicht nur einen psychotherapeutischen Studiengang in englischer Sprache mit Studierenden aus 56 Nationen, sondern auch eine vielsprachige Ambulanz, in der vor allem auch Flüchtlinge gratis behandelt werden.

Es war folgerichtig, dass sich 2007 eine weitere Fakultät begründete, die der Psychologie, die in weiten Strecken eine eigene, längere Wissenschaftsgeschichte neben der Psychotherapie aufweist und sich analog zur Psychotherapiewissenschaft entwickelt, mit starken Schwerpunkten auf die methodische wissenschaftliche Ausbildung, die beiden Kontrahenten qualitative und quantitative Forschung integrierend.

Dann kam der zweite große Entwicklungsschritt: die Entscheidung fiel um das Jahr 2009, die SFU von einer „Spartenuniversität“ hin zu einer „Schwerpunktuniversität“ weiterzuentwickeln. Dabei half uns der Blick auf unsere Nachbardisziplinen: Medizin und Rechtswissenschaften. Die Akkreditierung der Medizin erfolgte 2015, die der Rechtswissenschaften 2016. Sie sind unsere jüngsten Fächer und gehören doch in der Tradition der Wissenschaften zu den ältesten. Dies verlangt einen wertschätzenden aber auch kritischen Blick: was gilt noch, was ist wichtig für das Zukünftige? Wie muss die Reform der Studienpläne aussehen, welche Forschungsschwerpunkte kann man als kleine Universität setzen, die trotzdem respektable Forschungsergebnisse erwarten lassen?

Das sind die Chancen einer jungen Universität: Reform der Ausbildung, studentenzentriertes Unterrichten, erfolgsversprechende Forschungsnischen suchen und besetzen. Und für die Stadt: erfahrungshungrige Studierende, neue Behandlungsangebote für die Bevölkerung, Dialog und Austausch. Was kann eine Stadt mehr wollen?!

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Alfred Pritz
Rektor der Sigmund Freud Privat Universität Wien

Artikel S 43-44 im 13. Wissenschaftsbericht der Stadt Wien 2015